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Zitate und Aussagen zu Oswald von Wolkenstein

»Oswald [gilt] heute als der bedeutendste Lyriker des deutschsprachigen Mittelalters neben Walther von der Vogelweide.«
Prof. Dr. Ulrich Müller(Mitbegründer der Oswald-von-Wolkenstein-Gesellschaft, langjähriger Erster und Ehrenvorsitzender,
14.10.2012)

»DER Singer-Songwriter des späten Mittelalters«
Lena Ganschow in »Das Mittelalter im Südwesten (2/2): Konstanz – Stadt des Konzils«, SWR 2014 (Sendung SWR 25.1.2015, PHOENIX 16./17.05.2015)

letzte Aktualisierung: 2.11.2017

Vor 606 Jahren, am 2. November 1411: Einpfründung von Oswald im Chorherrenstift Neustift bei Brixen (Erwerb des Wohnrechts)

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»Die heutige Beliebtheit, ja Popularität des Südtirolers erklärt ..., warum Oswald von Wolkenstein im Unterschied zu den klassischen Minnesängern erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt worden ist. All die Besonderheiten seiner Liedkunst, die wir heute als Signum seiner Genialität schätzen, werteten die romantischen Wiederererwecker deutscher Dichtung des Mittelalters als persönliches Unvermögen des Dichters: Sprachmischung, Zertrümmerung der Syntax, Desillusions- und Verfremdungseffekte, bewußte Stilbrechungen, Bildmontagen, ein eigenmächtig freier, fast postmodern wirkender Umgang mit klassischen Formen und Motiven, sodann die ungeheuren inneren Dissonanzen seines Werks, das unvermittelte Nebeneinander von reulos genießerischer Sinnenfreude und reuevoll verzweifelter Jenseitsfurcht, der jähe Wechsel von unstillbarem Welterkundungsdrang zu resignierter Weltverneinung und manches andere mehr.«
Prof. Dr. Sieglinde Hartmann für die Oswald-von-Wolkenstein-Gesellschaft

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ab hier chronologisch: vom 21. bis ins 15. Jahrhundert

»Durch seine Qualitäten als Dichter, als ›Performer‹ und als einer der ersten, der Mehrstimmigkeit umfangreich auf deutsche Texte einsetzte, wirkt er heute und im Rückblick wie ein Neuerer, wie eine zukunftsweisende Schlüsselfigur in der Kulturgeschichte. Sein Einfluss auf die großen Strömungen war aber vergleichsweise gering. Wir finden nur wenige Lieder außerhalb seiner eigenen, persönlichen Sammlungen und wenn, dann meist ohne Autorzuschreibung. Es war sicher auch dem ›Insider‹-Charakter vieler seiner Lieder geschuldet, dass sie keine wirklich große Verbreitung fanden – sie waren zu individuell, zu persönlich, zu speziell auf bestimmte Ereignisse und Kreise ausgerichtet. [...] Oswald mag in seinen Liedern übertrieben und mit künstlerischer Freiheit überzeichnet haben, völlig frei erfunden hat er aber weder seine Erlebnisse noch seine Fertigkeiten.«
Marc Lewon Juli 2017 in »Jenseits der Hierarchie. Oswald von Wolkenstein als adliger Musiker am Konstanzer Konzil« in Morent et. al. (Hrsg.): Europäische Musikkultur im Kontext des Konstanzer Konzils, Ostfildern 2017: 131-147

»Die schillernde Persönlichkeit dieses Südtiroler Ritters, Diplomaten und Vertrauten des Kaisers, der gewissermaßen nur im Nebenberuf Sänger und Dichter war, hat seit der Wiederentdeckung mittelalterlicher Musik für den Konzertbetrieb die Interpreten wie kaum ein anderer inspiriert.«
Marc Lewon 2016 in seiner Einführung zu »Oswald von Wolkenstein. Songs of Myself. Eine Anthologie von Oswald-Liedern«

»So raubeinig und bodenständig Oswald im ersten Moment scheint, so geistreich und künstlerisch kreativ ist er als Dichter, Komponist und Musiker.«
»The Cosmopolitan« – Richard Lorber im Kommentar zu einer Konzertaufnahme mit dem Ensemble Leones – 04.06.2015, WDR3

»Er ist schon ein rechter Haudegen, der Tiroler Oswald von Wolkenstein: Fahrender Ritter und bäuerlicher Edelmann, Politiker und Diplomat. Ein sperriger, selbstbewusster, fast barock-pompöser Mensch in seiner zerfallenden spätmittelalterlichen Welt. Für ihn gelten noch immer feudale Gesetze. [...] Auf der anderen Seite ist er ein Dichter, Komponist und Sänger. Er schaut sich seine Welt recht genau an, er beschreibt seine Reisen, auf denen er Fremdes und Seltsames kennenlernt, auf denen ihm manch Unbill geschieht. Er schreibt Liebeslieder, aber nicht mehr an eine unerreichbare Minneherrin, sondern an seine eigene Ehefrau Margarethe von Schwangau, die Gret’, die er zärtlich-derb umwirbt. Er blickt auf sein Leben zurück und gibt am Ende kleinmütig zu: ›Ich Wolkenstein leb sicher klein vernünftiglich‹. Und er sammelt seine eigenen Lieder und lässt sie in zwei Handschriften zusammenstellen. Manchmal nennt man ihn den ›letzten Minnesänger‹, doch damit trifft man nur eine der vielen Facetten von Oswald von Wolkensteins Dicht- und Musizierkunst.«
Bettina Winkler, 30.09.2014, in der Sendung »SWR2 Musikstunde«: Herbst des Mittelalters (2) –
Oswald von Wolkenstein – der letzte Minnesänger. Ein Ritter als Selbstdarsteller und Dichter«

»Oswald von Wolkenstein: Politiker, Diplomat, Burgbesitzer, Ritter des Reichs und Lebemann ... das waren seine ›Hauptberufe‹, die ihn um fast den gesamten damals bekannten Erdkreis führten. Heute ist er vor allem für sein wichtigstes ›Hobby‹ berühmt, das er meisterhaft beherrschte: Er war Dichter, Musiker und Komponist, beherrschte neben dem Gesang diverse Instrumente und vermutlich an die zehn Sprachen. Von kaum einem Dichter-Komponisten des Mittelalters ist uns ein solch vielfältiges Repertoire überliefert [...]«
Marc Lewon, März 2014, zur CD »The Cosmopolitan – Songs by Oswald von Wolkenstein«

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»... Nachdichtung mittelalterlicher Texte, d. h. einer Übertragung des Inhalts ins moderne Deutsch bei Beibehaltung von Versmaß, Reim und Strophenbau. Dies ist eine ganz schwierige Angelegenheit: Der ›Übersetzer‹ muss selbst ein Dichter sein, sonst wirkt das ganze ungewollt komisch. Selbst auf der Höhe aller stilistischen Mittel und sprachlichen Feinheiten entsteht eine Interpretation des eigentlichen Werkes, kein Abbild. Trotzdem – und das ist das Paradoxe – ist der Vortrag in einer gelungenen Nachdichtung ja ›authentischer‹ als ein Vortrag in Originalsprache, die uns oft mehr durch ihren fremdartigen ›Sound‹ bezaubert als durch den Inhalt: Schließlich haben die damaligen Zuhörer auch ihre Alltagssprache gehört, so konnte die Aussage direkt in Herz und Hirn gehen und Text-Musik-Bezüge sich spontan entfalten. Dies ist besonders bei Oswald ein Plus, denn der Mann hat nicht nur etwas zu singen und zu sagen, sondern bedient sich dabei auch raffinierter stilistisch-sprachlicher Mittel, die fast schon modern zu nennen sind – bis hin zu eigenen Wortschöpfungen, der Mischung verschiedener Sprachen und Dialekte und Überlagerungen mehrerer Texte, wobei wieder etwas Neues entsteht. Ganz zu schweigen vom direkten Zugriff auf Alltagsmissgeschicke und Erotik.«

(Dr. Lothar Jahn in einer Buchkritik zu »Wie eine Feder leicht. Oswald von Wolkenstein – Lieder und Nachdichtungen« von Hans Moser, Innsbruck 2012)

»[...] ... Oswald war sich seines Wertes als Dichter und Musiker wohl bewusst. Er ist ein großartiger Solo, fähig, die Tradition seiner Zeit einzigartig zu interpretieren und dabei schwer nachahmbar ... Seine sprachliche Vielfältigkeit, sein politischer Rang und die internationale Dimension seines Lebens spiegeln sich in seinem Werk wieder ... [...] ... einer der wichtigsten Exponenten der Lyrik in der Zeit zwischen dem Ende des Mittelalters und dem Beginn der Neuzeit. [...]«

Patrizia Mazzadi: »Oswald von Wolkenstein übersetzen: Fragestellungen, Problematiken und mögliche Lösungen«
in: Bennewitz, Ingrid; Brunner, Horst: Oswald von Wolkenstein im Kontext der Liedkunst seiner Zeit
Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein-Gesellschaft 19 (2012/2013), Wiesbaden 2013

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»Wir kennen ihn als einen selbstbewussten, durchsetzungsfähigen Mann, sensiblen Poeten, genialen Komponisten und geschickten Diplomaten.«
Barbara Stuhlmeyer in Karfunkel Nr. 98, Feb. 2012

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»Oswald von Wolkenstein ist als Ritter, Dichter und Sänger eine Persönlichkeit von wahrhaft europäischem Rang, ja von Weltformat.«
Prof. Dr. Sieglinde Hartmann 2011 in »Oswald von Wolkenstein«, S. 130

»Welchen Anteil OvW an der Komposition seiner mehrstimmigen Werke hatte, lässt sich letztlich nicht feststellen. [...] Dass Oswald Mehrstimmigkeit eine gesonderte Beachtung gefunden hat, hängt ferner damit zusammen, dass sie zumindest aus heutiger Sicht als Meilenstein und richtungweisend für die Musik im deutschsprachigen Raum gilt, weil sie nach den wenigen, sehr schlichten polyphonen Stücken des Mönchs von Salzburg das erste große mehrstimmige Œuvre in deutscher Sprache überhaupt darstellt und damit den Weg aus der bis dato vorherrschenden Einstimmigkeit aufzuzeigen scheint.«
Marc Lewon 2011 in »Oswald von Wolkenstein«, S. 171 + 174

»Dem größten Lieddichter des Spätmittelalters ... als größtem Tiroler Dichter zwischen (dem Nicht-Tiroler) Walther von der Vogelweide und dem Weimarer Dichterfürsten Goethe ...
Als wortgewaltiger und sprachspielerischer Lyriker und höchst begabter Liederkomponist, dessen ein- und mehrstimmige Lieder wegen ihrer Individualität und Variationsbreite zu den bedeutendsten und markantesten Zeugnissen deutscher Liedkunst der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts zählen, lebt bis heute weiter und genießt internationales Ansehen sowie uneingeschränkte Bewunderung.
«
Merano Magazine, Nr. 1/2011, Meran 2011, S. 74-76

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»... seine Liederhandschriften machten ihn zum bedeutendsten spätmittelalterlichen Dichterkomponisten im deutschen Sprachraum ...«
Alexander von Hohenbühel 2008 in »Trostburg. Zum Nutzen, zur Freude und zur Ehre«, S. 16

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»Oswald von Wolkenstein ist der heute erfolgreichste deutschsprachige Autor des Spätmittelalters. Ein mittlerweile verbreitetes Diktum nennt ihn den ›vielleicht bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker zwischen Walther von der Vogelweide und Goethe‹.«
Johannes Spicker 2007 in »Oswald von Wolkenstein. Die Lieder«, S. 9

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»... das Bild einer vielseitigen Künstlerpersönlichkeit ... , welche der deutschen Liedkunst des Spätmittelalters gänzlich neue Themen und Liedtypen erschlossen habe.
Diese Einschätzung ist inzwischen nicht mehr
umstritten. So manche der jüngsten Untersuchungen legen sogar die Schlussfolgerung nahe, dass mit Oswald von Wolkenstein einer der genialsten Lyriker der gesamten deutschen Literaturgeschichte wieder entdeckt worden sei. [...]
Und das ist das ganz Neue an Oswalds Lyrik: seine neue Sprache sinnlicher Wahrnehmung.
[...]
Außer Zweifel steht ..., dass Oswald von Wolkenstein m
it seiner autobiographischen Lyrik ein neues Kapitel in der deutschen Literaturgeschichte eröffnet hat. ... Bekanntlich bezeichnen germanistische Sprachhistoriker den neuen Sprachstand als Frühneuhochdeutsch. Daher sind in der Sprache Oswalds von Wolkenstein bereits fast alle neuhochdeutschen Lautverschiebungen durchgeführt. Auch in dieser Hinsicht hat Oswalds neue Sprache sinnlicher Wahrnehmung die Zeit der mittelhochdeutschen Klassik definitiv hinter sich gelassen.
Einzig in ihren künstlerischen Darbietungsformen bleibt seine Sprachkunst der Sangverslyrik klassischer Minnesänger noch eng verbunden. In dieser Hinsicht musste und durfte sich Oswald von Wolkenstein zu Recht als die ›Nachtigall‹ seiner Zeit fühlen. Insofern trägt sein Werk ein wahres Janusgesicht: Formal weist es zurück in die Vergangenheit des Hochmittelalters, inhaltlich und sprachlich weist es weit voraus in die Neuzeit.«

Sieglinde Hartmann 2005

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»... ein intensiv gelebtes Leben: Exzessiv, exzentrisch, egoistisch, widersprüchlich, sinnlich, streitlustig, zynisch, fromm, kreativ, produktiv bis zur Triebhaftigkeit, stolz, rechthaberisch, anlehnungsbedürftig, neugierig und angefochten.«
Jens Voskamp: »Des Minnesängers Jagd nach dem G
lück«
Kritik zur Nürnberger Uraufführung der Wolkenstein-Oper, Nürnberger Nachrichten, 8.3.2004

»Was für ein pralles Leben. Oswald von Wolkenstein: Im Alter von zehn Jahren wird er Knappe eines fahrenden Ritters, durchzieht halb Europa und Kleinasien, lässt sich in allen Tugenden und Untugenden des Kriegshandwerks und der höfischen Künste unterweisen, reibt sich in Erbstreitigkeiten mit seiner Familie auf, verliert ein Auge, liebt sich durch die bessere Gesellschaft und den niederen Stand, heiratet und bekommt Nachwuchs wie am Fließband, verstrickt sich in politische Ränkespiele und sieht die Kerker von innen, mischt sich in die Machtkämpfe von Fürsten und Bischöfen, wird handgreiflich gegen Repräsentanten des Klerus. Mitglied von Ordensrichtungen und Kommissionen, Richter und Kreuzfahrer, Gründer des Elefantenbundes Tiroler Adliger gegen den Landesherrn, Diplomat und Gesandter, Dichter, Rebell und Raufbold – das schiere Gegenbild zum höfisch-idealistischen Walther von der Vogelweide, der ihm als Minnesänger vorausging. 1445 stirbt Oswald mit siebzig, gelebt aber hat er dreimal so viel Jahre.«
Wolfgang Sandner
: »Müder Krieger mit sanftem Hackbrett«
Kritik zur Nürnberger Uraufführung der Wolkenstein-Oper, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.3.2004

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»... ein ungewöhnlicher Mann aus dem Tiroler Landadel, dessen erklärtes Ziel es war, an der Schwelle zu einer neuen Epoche noch einmal ein mustergültiges mittelalterliches Ritterleben durchzuexerzieren und dieses Vorhaben auch schriftlich und bildlich zu dokumentieren. Von Geburt aus war er dazu nicht prädestiniert, denn er gehörte zu den rechtlich benachteiligten ›nachgeborenen Söhnen‹ und litt unter einem auffälligen Gebrechen: Bildlichen und literarischen Zeugnissen zufolge muss eine häßliche Ptosis des rechten Augenlids seine Sehfähigkeit behindert und seine Kampftüchtigkeit beeinträchtigt haben. Er galt als Einäugiger; eine Laufbahn als kirchlicher Würdenträger kam für ihn deswegen nicht in Frage. Mit Willensstärke, Zähigkeit und Tüchtigkeit erreichte er schließlich eine angesehene Stellung als Berater König Sigmunds von Luxemburg und als Landadeliger in Tirol. Diesen Werdegang, der extreme Mobilität und Kontaktfreudigkeit voraussetzte, hat er selbst in autobiographischen Liedern besungen. [...]
An diesem Lebenslauf ist nicht etwa die Rastlosigkeit des adeligen Aufsteigers die Besonderheit, sondern vielmehr die einzigartige Möglichkeit, einer solchen Lebensreise aufgrund von Archivalien und Liedstellen nachgehen zu können. Dem durch Geburt benachteiligten Wolkensteiner hat seine Mobilität offensichtlich das gebracht, was er sich wünschte: den Aufstieg zum respektierten, vermögenden und einflußreichen Landadeligen. Die damals bekannte Welt ›erfahren‹ zu haben, die Mächtigen in der Welt kennengelernt zu haben, sowie Kontakte mit Persönlichkeiten in aller Welt zu pflegen, war in der ersten Hälfte des 15. Jh.s noch ein sicheres Erfolgsrezept.«

Anton Schwob in seinem Vortrag anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Pécs, 5. November 2003

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»Das Werk Oswalds von Wolkenstein ist so facettenreich wie seine Person. Als bedeutender Adliger Südtirols und einflußreicher Politiker auf Reichsebene reist er durch ganz Europa und verkehrt in den höchsten Kreisen, was sich in seinem Werk niederschlägt. Neben vielen autobiographischen Details und einem mitunter derben Humor enthalten seine Lieder zahlreiche Einflüsse aus Italien und Frankreich.«
Marc Lewon in Karfunkel Nr. 31, 2000

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»Im Ouvre Oswalds mischen sich vielfältige lyrische Gattungen, Themen, Stilhaltungen, Topoi und Sprachformeln. [...] Die Lyrik des Südtiroler Adligen ist von einer hohen formalen und sprachlichen Virtuosität gekennzeichnet. [...] Gegenüber einer unter dem Eindruck goethezeitlicher Erlebnislyrik stehenden Forschung, welche zahlreiche Gedichte Oswalds allzu einseitig als autobiographische Aussagen verstand, haben jüngere Interpretationen den hohen Grad der Stilisierung und den starken Einfluß vorgängiger literarischer Traditionen und Gattungskonventionen in eben den ›autobiographischen‹ Texten herausgestellt, so dass Fiktion und Realität vielfach zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen scheinen. [...]
Die hohe Komplexität, die formale Virtuosität und die inhaltliche Polyvalenz im lyrischen Ouvre Oswalds bedürfen vielseitiger Erklärung. Unter literaturgeschichtlichem Aspekt repräsentieren die Texte des Wolkensteiners eine Spätphase höfischer Dichtung. [...] In historischer Perspektive könnte in der Mehrdeutigkeit und Vielschichtigkeit ein Reflex auf die wachsende Komplexisierung der spätmittelalterlichen Lebenswelt zu sehen sein.  [...] Schließlich wird man die Virtuosität und Polyvalenz auch aus sozialgeschichtlichem Blickwinkel betrachten müssen und als Ausweis adeliger Standeskultur und als gesellschaftliches Distinktionsmerkmal interpretieren dürfen.«
Michael Schilling 1997 in: Ernst Fischer (Hrsg.), Hauptwerke der österreic
hischen Literatur, München 1997

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»Seine autobiographische Lyrik erscheint, historisch gesehen, wie aus dem Nichts, weil sie ohne nennenswerte Vorstufen oder Vorläufer entstanden ist. [...] ... die ›autobiographische‹ Lyrik des deutschen Mittelalters beginnt ... erst mit Oswald von Wolkenstein. [...] ... wesentliche Unterschiede zu neuzeitlichen Autobiographievorstellungen ... Ein höchst subtiles eingefädeltes Versteckspiel mit dem eigenen Ich also, das wir heute nur unter größten Mühen entwirren können, um die Anteile, die sich auf das Autor-Ich, das Rollen-Ich und das biographische Ich beziehen, zu unterscheiden.«
Sieglinde Hartmann 1993

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»... nach Umfang und Bedeutung eines der wichtigsten liter. und musikal. Werke zw. MA. und Renaissance. [...] Biographisches spielt in Reiseabenteuern, Politischem und Persönlichem wie Gefangenschaft, Erlebnissen um Geld und Frauen, Essen und Trinken eine bedeutende, oft bizarre Rolle; die stark betonte Erotik nimmt die Tradition spätmittelalterl. Liebesdichtung auf und führt sie zu einem Höhepunkt an Sinnlichkeit. Die einstimmigen Lieder sind das bedeutendste überlieferte Oevre weltlicher dt. mittelalterl. Musik.«
Brockhaus, Band 16, 19. Auflage, Mannheim 1991

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»Die Lieder Oswalds markieren einen Wandel und gleichzeitig einen Endpunkt höfischer Adelslyrik. Die wenigsten seiner Lieder entstehen wohl im Auftrag oder für ein größeres Publikum. [...] Losgelöst von den Erwartungen der Adelsgesellschaft wird bei Oswald wie bei keinem anderen Liederdichter zuvor das eigene Leben und Erleben zum Gegenstand des Dichtens. [...] Allenthalben spürt man bei Oswald das Bedürfnis, persönliches Erleben durch die Hinstilisierung auf übersubjektive Ordnungsmuster aus seiner Vereinzelung und Zufälligkeit zu erlösen.  [...]  ... die Rückbindung persönlichen Erlebens in traditionelle literarische Muster. [...]
Oswalds Lieder sind mithin weder eindeutig als neuzeitlich-individualistische ›Erlebnislyrik‹ zu klassifizieren noch als mittelalterlich-überpersönliche exemplarische Dichtungen. Die Loslösung des Dichters von den engen Bindungen an ein höfisches Publikum führt zu neuen, subjektiv geprägten Formen literarischer Äußerung, die aber nicht als Hervorbringungen des autonomen Schöpfer-Genies mißverstanden werden dürfen.
[...] Gerade dort, wo Oswald traditionelle literarische Muster aufnimmt und verändert, wird seine eigene poetische Leistung deutlich. Wuchernde Bildlichkeit und Metaphorik, Worthäufungen, lautmalerische Veränderungen und Neologismen machen die Sprache selbstbedeutend als artistisches Ausdrucksmittel und markieren so in der Tat einen einschneidenden Schritt in die neuzeitliche Autonomie der Dichtung. [...] Oswald von Wolkenstein gehört zu den Dichtern, deren Kunst zugleich einen Höhepunkt und ein Ende darstellt.«

Thomas Cramer 1990

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»Oswalds ... streitlustige und zur Gewalt neigende Natur, seine derbe Spottlust ... [...] Man fühlt sich an Reineke Fuchs erinnert, wenn man ... von Oswalds Machenschaften liest. [...] ... der Kampf eines Mannes um Aufstieg in der Adelsgesellschaft seiner Zeit ... Seine Dichtung, auf der unser Interesse an seiner Person beruht, konnte dabei nur dienende Funktion haben. Als Sänger trug er zum Glanz und zur Unterhaltung seines Publikums bei, gewann wohl auch Sympathie. Dies und nicht mehr konnte er in solcher Rolle zu erreichen hoffen. [...] Mehrfach betont Oswald das Ansehen, das er gerade durch den musikalischen Vortrag gewann. [...]
Immer wieder zeigt sich seine Absicht, das nicht Alltägliche, das Abenteuerliche exemplarisch zu gestalten. [...] ... das ursprüngliche Ideal: der Sänger war in der Regel sein eigener Komponist.«
Karen Baasch und Helmut Nürnberger 1986

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»Ein Leben für drei Leben: Fahrender Ritter und bäuerlicher Edelmann, Politiker und Diplomat. Und Dichter, Komponist, Sänger, so virtuos und reich und vielseitig wie kein anderer in seinem Land und seiner Zeit. Ein sperriger, ichbewußter, fast barock-pompöser Mensch in einer zerfallenden spätmittelalterlichen Welt. Oft äußerlich, lärmend, brutal in seinen Liedern wie in seiner Existenz, und zugleich überempfindlich, verwundbar, von einer bis dahin unbekannten Intensität des Fühlens. [...] Ein Renaissance-Mensch: Kaum ein Dichter deutscher Zunge hat so bewußt und ausdauernd Ich gesagt, so ungehemmt sich selbst, den eigenen Namen ins Werk einbezogen.«
Klaus J. Schönmetzler 1979

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»Charakteristisch für die Technik Oswalds, Biographisches in Dichtung zu übertragen, ist das Weglassen historisch bedeutsamer Fakten bzw. ihre Umwandlung in dichterische Interpretationen. [...] Oswald von Wolkenstein hat seine Fähigkeiten als Dichter und Komponist nicht nur fallweise zur Unterhaltung einer Gruppe von Gleichgesinnten oder Erlebnisgenossen, zum Preis oder zur Schelte mächtiger Herren genutzt, er betrachtete sie auch als geeignetes Mittel der Selbstdarstellung und zur Sicherung seines Nachruhms. Oswald hat für die Mit- und Nachwelt bewußt ein Bild von sich gemacht. Er hat gedichtet und gesungen, damit er nicht vergessen werde.«
Anton Schwob 1977

»Oswald von Wolkenstein gehörte zu denen, die eher Feuer legten als Feuer löschten.«
Dieter Kühn 1977

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»In einer Zeit des Umbruchs und Übergangs baut sich seine Dichtung von urwüchsiger Größe auf. In ihr spiegelt sich das reiche Leben eines eigenwilligen und vitalen Adelsherren wieder, der viel in der Welt gesehen hat, der Zeuge und Teilnehmer vieler bedeutender Ereignisse war, der jedoch stets auf die Bewahrung und Ehrung seines Besitzes achtete und dabei auch vor Gewalt nicht zurückschreckte. [...]  ... ein Werk, das einerseits fast alle Themen, Formen und Motive der vergangenen mittelhochdeutschen Lyrik in sich aufgenommen hat, das gleichzeitig aber weit in die Neue Zeit vorausweist. Derbes und Zartes, Kompliziert-Raffiniertes und Volkstümlich-Einprägsames sind hier zu einer Einheit verbunden, die an Kraft und Vollkommenheit einzigartig dasteht.«
Johannes Heimrath und Michael Korth (»Bärengässlin«) 1975

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»Oswald blieb durchaus herkömmlichem Denken befangen, verfocht ordo und Ständehierarchie ... [...] Sein ritterlich gesange war ihm eine unter vielen ständischen Fertigkeiten, kaum die erstgenannte und wesentlichste ... [...] Er bedichtet den Augenblick und singt, um sich Dauer zu verschaffen, gegen die Drohung des Vergessenseins. Kunst reimt sich ihm auf Gunst, ist Mittel zum Zweck, in der Liebe wie in der Politik. [...] Renaissancelyrik lebt in dieser vielschichtigen Gestalt und dieser Dichtung. Trotz charakteristischer Züge wenig belangvoll als Denker, ist Oswald von Wolkenstein ein überragender Dichter, der seine Zeit auszusprechen vermag, wenn er scheinbar nur sich selbst dahersagt.«
Hubert Witt 1968

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»Man hat eingesehen, dass mit Schlagwörtern wie ›der letzte Minnesänger‹, ›Renaissancelyriker‹, ›Erlebnisdichter‹ oder gar ›der Hemingway seiner Zeit‹ bestenfalls einzelne Züge dieser komplexen Erscheinung bezeichnet sind. [...] Oswald, Kind des vielgesichtigen Spätmittelalters, dichtend in einer Zeit, in der vielfältige Literaturtraditionen bunt durcheinander lebten, aber nur wenige Einzelwerke sich über die allgemeine Mittelmäßigkeit erhoben, in einer Zeit, in der die alten Bindungen, Schemata, Formeln schon frei verfügbar und beliebig umkehrbar schienen und doch noch immer die einzige Möglichkeit der Orientierung darstellten. [...] Die Formelsprache ... hat Oswald variiert und ganz erheblich erweitert. Durch Reihung und Häufung von Wortmaterial, durch Aufnahme von Sprachgut aus anderen literarischen Traditionen, aus dem Dialekt und aus Fachsprachen und durch manche eigenwillige Neubildungen ist der Ausdruck reicher und bunter geworden, oft konkreter, sinnlicher, gesteigert manchmal ins Derbe, manchmal ins Ironische, manchmal ins Verspielte bis an die Grenze manirierter Künstlichkeit.«
Burghart Wachinger 1964

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»Die Komplexität seiner Erscheinung gehört wesentlich zu ihm. Er hat ein erfülltes, intensives Leben gelebt, hat alle Höhen und Tiefen, Freuden und Qualen der Welt gekostet, hat Unrecht gelitten und Unrecht getan. Er war ein derber Krieger und ein Dichter von unerhörtem Erfindungsreichtum, ein Mensch von unbedingter Diesseitigkeit und mit einem Hang für das Irrationale ... [...] Oswald hat nichts von einem Klassiker an sich. Er ist der ›erste moderne Mensch‹. [...]  ... der Hemingway seiner Zeit. [...]
... es ist für Oswald nur möglich, Gedichte zu schreiben, die echt sind, wenn er den Stoff aus eigener Anschauung nimmt. Nur das wirklich Erlebte wird Gestalt.«
Wieland Schmied 1960

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»... eine Abenteuer- und Verbrechernatur von höchstem Interesse«
Samuel Singer, »Die religiöse Lyrik des Mittelalters«, 1933

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»Wir Sigmund, von gotes gnaden Römischer kunig ... tun kunt ... das wir angesehen haben getrue, willige, unverdrossne und anneme dienst, die uns der veste Oswald von Wolkenstein, unser lieber getruen, oft nutzlich getan hat, teglichen tut, und furbaß tun sol und mag in künftigen tzyten, und haben In dorumb tzu unserem diener und hofgesinde ufgenomen, und nemen uf in craft diß briefs; und das Er uns dester billicher und flissiclicher gedienen möge, so haben wir Im für sinen Jarsold drey hundert hungrischer Roter Gulden jerlich tzugeben versprochen.«
König Siegmund bei der Aufnahme von Oswald in sein Gefolge 1415

(zitiert nach Schwob)

 »wann wir deiner gegenwertigkeit in disen landen zu etlichen vnsern sunderlichen geschefften wol bedúrffen«
König Siegmund in dem Schreiben, mit dem er Oswald 14
32 zu sich zitiert
(zitiert nach Hoensch)

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Dieter Kühn zur Musik bei Oswald von Wolkenstein

Dieter Kühn zum Leben in der Zeit des Oswald von Wolkenstein

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